Antarktisstation
AMSAT-DL Journal


Andre Phillips, VP8MAP
(Übersetzung: Gerd Sönnichsen, DL8DR)

9k6-PACSAT-Station auf der Halley Base, Antarktis

Im April habe ich über KITSAT-OSCAR 25 eine Meldung heruntergeladen, die sich wie ein Abenteurerroman liest. Andre, VP8MAP, überwintert zur Zeit in der Antarktis, hat dort eine 9k6-Satelliten-Station aufgebaut und berichtet über das Leben und seine Funkaktivitäten in dem englischen Lager "Halley Base". Ich fand seinen Bericht so spannend, daß ich ihn ins Deutsche übersetzt habe. 9k6-Sat-Aktivisten werden den Originalbericht vielleicht schon selbst gelesen und auf dem PC gespeichert haben.

Stationsbild 1 (6.6 kB)
Bild 1: Die Halley-Station kurz vor dem Wintereinbruch. Die Sonne steht gerade noch über dem Horizont.

To : ALL
From : VP8MAP
Date: April 1995

Hallo liebe Funkfreunde,

vor ungefähr einem Monat hatte ich meinen ersten erfolgreichen Amateurfunk-Satelliten-Upload und ein paar scharfäugige Beobachter hatten sofort mein "VP8"-Falkland/UK-Antarctic-Call entdeckt. Gleichzeitig hatte einige Tage vor meinem ersten upload Fred, G6ZRU, eine Nachricht verbreitet, daß ich bald auf den Satelliten sein würde. Seitdem habe ich verschiedene freundliche Willkommensgrüße und Anfragen über das Leben hier unten in einem Antarktislager erhalten. Es ist natürlich eine äußerst einsame Gegend zum Leben, zum Arbeiten und zum Betreiben einer Satellitenstation. Deshalb wird ein kurzer Bericht vielleicht die natürliche Wissbegierde für einen solchen Ort etwas stillen.

"Halley Base" ist nach dem englischen Astronomen benannt, der ebenfalls die periodische Wiederkehr des nach ihm benannten Kometen entdeckte. Das United Kingdom betreibt mehrere wissenschaftliche Basen im Südatlantik und in der Antarktis: Bird Island (South Gorgia), Signy (South Orkney Island), Faraday und Rothera (Antarktis). Halley ist die südlichste und kälteste Station. Sie liegt auf dem Brunt Ice Shelf an einem Ort mit ca. 200 m dickem Eis. Die Eisscholle schwimmt auf ca. 500 m tiefem Meerwasser und driftet an der Halleyposition täglich ca. 2 m westwärts. In etwa 15 Jahren wird das Eis, auf dem die Station zur Zeit steht, die Küste erreicht haben und zu einem Eisberg werden.

Aufgrund dieser Veränderungen muß Halley immer wieder neu aufgebaut werden und die derzeitige Struktur, angelegt Anfang 1990, ist bereits die fünfte "Halley" in dieser Gegend (die erste wurde in den späten 50er Jahren aus Anlaß des IGY - International Geophysical Year - gebaut). Frühere "Halleys" waren Unter-Eis-Stationen, die wegen Anwachsens der Schneedecke alle aufgegeben werden mußten. Durch jährlichen Schneefall wächst die Oberfläche um ca. 2 m und anders als in der Arktis, schmilzt der meiste Schnee nicht weg. Dadurch wird jede Art von Gebäude sehr schnell begraben. Der Schnee wird bis zur Wasserdichte gepresst und es dauert nicht lange, bis ein enormer Druck auf allem lastet. Verbunden mit bis zu 1000 Eisbrüchen im Jahr werden zugeschneite Stationen zerstört und nach einigen Jahren mit dem Eis fortgetragen.

Halley 5 ist anders als frühere Versionen über der Schneeoberfläche gebaut. Das bietet viele Vor- aber auch einige wenige Nachteile. Die 3 Haupgebäude von Halley (Unterkunft - ACB, Raumforschung und Meteorologie) sind auf stählernen Beinen gebaut und jeden Sommer werden die Gebäude um ca. 2 m angehoben. Das ist natürlich ein hartes Stück Arbeit, wenn man bedenkt, daß die Hauptunterkunft ungefähr 350 Tonnen wiegt und von 20 Stahlbeinen getragen wird. Während des Sommers wird an jedem Bein eine von jeweils zwei Personen betriebene Winde angebracht und das ganze Gebilde mit Muskelkraft angehoben. Man kann sich das photographische Spektakel vorstellen, wenn 40 Leute mit äußerster Anstrengung ihr Haus Millimeter um Millimeter hochkurbeln.

Stationsbild 2 (6.3 kB)
Bild 2: Das Hauptgebäude im Gegenlicht. Die Sonne wird durch das Gebäude verdeckt. Die in den Polarregionen häufig zu beobachtende Beugung des Sonnenlichts an Eiskristallen ist an den Stationsrändern besonders gut zu erkennen.

Das Space Science Building (SSB), in dem ich arbeite, ist ähnlich, allerdings wiegt es lediglich ca. 50 Tonnen und hat nur 6 Beine. Man benötigt ungefähr 3 Stunden harter Arbeit, um es ca. 60cm hochzuhieven, das gesamte Anheben dauert etwa 3 Tage. Zusätzlich zu den Gebäuden "über Grund" sind unter der Schneedecke große Stahlrohre als ausgedehnte Tunnel für Kraftstoff- und Wasserspeicher angelegt. Aus Sicherheitsgründen haben ACB und SSB unabhängige dieselelektrische - und Wasserversorgungseinrichtungen. Die Wasserherstellung ist eine tägliche Qual. 5 - 6 Kräfte schaufeln ungefähr 20 Minuten lang Schnee in den Schneeschmelzer. Bei Blizzards und totaler Finsternis kann das ein schrecklicher Job sein, der aber täglich gemacht werden muß (wir verbrauchen ca. 2 Tonnen Wasser täglich). Diesel wird unterirdisch in sogenannten "flubbers", großen Gummibehältern, gespeichert und alle paar Monate müssen einige huntert eingeschneite 44-gallon-Kanister ausgegraben und in die "flubbers" umgefüllt werden. Dies haben wir jetzt gerade vor Einbruch des Winters erledigt.

Vielleicht habt ihr bisher noch nichts von Halley gewußt, aber bestimmt schon von seinem größten und traurigen Ruhm, nämlich der Entdeckung des Antarktischen Ozonloches. Von der Bodenstation Halley mit einem Dobson Spectrophotometer gesammelte UV-Daten wurden mit Satellitendaten verglichen und bestätigten den Schwund von stratosphärischem Ozon besonders im Frühling. Die Entdeckung ist eine interessante Geschichte, weil sie die Gefahr zeigt, wie Daten bei einer nicht erwarteten Beobachtung mißdeutet werden können. Tatsache ist, daß Satellitenbeobachtungen über Jahre ein spürbares Abnehmen der gesamten Ozonschicht besonders im antarktischen Frühjahr zeigten. Unglücklicherweise wurde das große Loch über der Antarktis einem Fehler im Satellitendetektor bei großen Höhen zugeschrieben und die Daten wurden ignoriert. Schließlich wurden die Daten durch Bodenbeobachtungen bestätigt und der Rest ist Historie. Ein Dobson Spectrophotometer ist hier zwar immer noch im Einsatz aber die Bodenbeobachtungen der UV-Strahlen machen in diesem Jahr bedeutende Fortschritte. In diesem Sommer wurde ein neues Photometer installiert mit dem man das Sternenlicht zum Messen der UV-Strahlen in der Stratosphäre nutzen kann (genannt "UVIS"). In Halley beginnt jetzt die totale Finsternis (letzter Sonnenaufgang ist am 2. Mai), so daß wir in den kommenden Wintermonaten unsere Erkenntnisse über die Ozonwerte in der Stratosphäre vertiefen können.

Einige von euch haben mich gefragt, was meine Aufgabe hier unten ist. Vielleicht beantworte ich die Frage am besten, indem ich die Jobs der einzelnen beschreibe. 17 Leute von uns überwintern in Halley. Wir haben einen Arzt (Adrian), einen Klempner (Steve), einen Elektriker (Sean), einen Mechaniker für Dieselgeneratoren (Jo), Fahrzeugmechaniker (Martin), Koch (Dave), Stahlbauer (Richard), drei Wetterbeobachter (Jon, Graham, Barry), einen general assistant (Tim), einen Radio operator (John), zwei Wissenschaftler (Steve, John) und drei Ingenieure (Al, Eric und ich). Der general asssistant ist ein Bergsteiger oder jemand mit sehr guter Gelände- und Führungserfahrung. Er betreut die Feldausrüstung und begleitet Gruppen ins Gelände, dies besonders im Sommer.

Lagerröhren im Eis (9.0 kB)
Bild 3: Die Versorgungs- und Lagerröhren im Eis

Meine tägliche Arbeit besteht u. a. in der Durchführung und Unterstützung einer Anzahl von geophysikalischen Experimenten. Dies ist im Grunde genommen immer das gleiche, außer wenn Dinge schieflaufen und dann die eigenen Erfahrungen zum tragen kommen. Vielleicht habt ihr auch schon gemerkt, daß wir hier unten eine reine Männergesellschaft sind. Diese bedauerliche Situation hat historische Gründe und soll hoffentlich im nächsten Jahr geändert werden. Andere nördlichere UK-Basen haben Frauen aber bis jetzt sind hier nur Jungs. Es wird ein langer, kalter Winter ...

Ich habe schon im Australischen Antarctis Lager Mawson (call VK0AP) überwintert und einige Zeit in Alaska und der Canadischen Arktis zugebracht. In den letzten paar Jahren lebte ich in VE5, Sascatoon, Saskatchewan, Canada. Das Leben in der Prärie war ein gutes Training für diesen Ort hier unten, da der Präriewinter diesem sehr ähnlich ist. Allerdings sind Temperaturen und Wind hier erheblich strenger und in Kürze werden wir 24 Stunden Dunkelheit haben, starke Winde und Temperaturen, die auf unter - 50° C absinken. Sehr frostig! In der letzten Woche war ich mit drei anderen (Tim, Steve und Richard) außerhalb des Lagers. Während wir unterwegs waren lagen die Temperaturen zwischen - 20 und - 40°C. Es war unser letzter Ausflug für diese Saison.

Halley ist isoliert. Das Versorgungsschiff läuft uns zweimal im Sommer an (gegen Weihnachten und März). Es gibt hier Flugzeuge während des Sommers, aber sie verlassen die Gegend mit dem letzten Schiff. Danach sind wir auf uns allein gestellt. Unsere haupsächliche Außenverbindung ist unsere Inmarsat (International Maritime Satellite) Bodenstation. Die Einrichtung ist jedoch bedauerlicherweise sehr teuer (ungef. 10US$/Minute) und wird nicht stark genutzt. Man kann auch ein FAX-Gerät betreiben aber die niedrige Übertragungsrate macht faxen ermüdend langsam. Es gibt hier auch HF-Kommunikation aber die Bedingungen sind im allgemeinen schlecht wegen der Polnähe und der herabgesetzten Ionosphärenreflektion während der Winterdunkelheit.

Dieser Ort ist tatsächlich einer der einsamsten Plätze der Welt und deshalb reizte mich auch die Verbindungsmöglichkeit über Amateurfunksatelliten und es ist für mich wie ein Wunder, daß ich jetzt mit euch sprechen kann. Während ich hier sitze und schreibe, tobt draußen ein Blizzard mit ca. 25 - 30 Knoten Windgeschwindigkeit und viel Schnee bei ungefähr -25°C.

Heutemorgen hatten wir eine Feuerrettungsübung, welche die komplette Vernichtung unserer Unterkunft während eines Blizzards simulierte. Der einzige erlaubte Ausgang war auf der entgegengesetzten Seite des Gebäudes durch den Anzug- und Stiefelraum und wir mußten innerhalb von 5 Minuten in voller Kleidung bei diesen schrecklichen Witterungsverhältnissen draußen sein. Eine nützliche Übung, die einem auch Zeit zum Nachdenken gibt!

Wegen des ungewöhnlichen Ortes hier erwarte ich ein gewisses Interesse an QSL-Karten. Ich habe mir einige Karten mitgebracht, ihr müßt allerdings etwa 1 Jahr warten. Obwohl ich jede ankommende Nachricht begrüße, dürft ihr nicht vergessen, daß wir hier unten alle reichlich beschäftigt sind, besonders auf der Wissenschaftsplattform, und daß meine Satellitenaktivitäten nur neben einem full-time-job und den allgemeinen Pflichten wahrgenommen werden können. Ich werde jedem antworden, der mich ruft (der mir schreibt), aber bitte habt etwas Geduld. Ich bin noch sehr neu im Spiel mit den Satelliten und ich weiß noch nicht, wer mit dabei ist. Wenn irgendjemand eine weitere Antarktis- oder Arktis-Station hören sollte, würde es mich freuen, dies zu erfahren. Ich würde sehr gern mit anderen VP8's (Canadian North West Territory) sprechen. Ich werde zunächst nur auf KO-25 qrv sein (KO-23 hat eine niedrigere Inklination und die downlink-Frequenz wird durch lokales QRN fürchterlich gestört). Nach meinen derzeitigen Plänen bleibe ich hier bis März 1997, auf jeden Fall bin ich bis März '96 "ausgesetzt". Es bleibt also genügend Zeit für Kontakte.

In den letzten Jahren bin ich etwas umhergereist, aber die meiste Zeit war ich in Neuseeland (Christchurch, Call ZL3AW), Australien (Adelaide, Call VP5AAP), Canada (Saskatoon, ZL3AW/VE5) und in Großbritannien (Cambridge). Ich befasse mich leidenschaftlich mit Astronomie und mit Flugzeugen und bin im Besitz von Fluglizenzen in den oben genannten Ländern einschließlich den USA. Ich möchte mich besonders über Aktivitäten in der Luft- und Raumfahrt sowie in der Astronomie auf dem Laufenden halten, d. h. alle Informationen hierzu sind höchst willkommen. Da wir keinen eigenen Nachrichtendienst haben (außer BBC und ähnlichen Stationen auf KW bei z. Zt. schlechten Bedingungen) hungern wir natürlich nach allen möglichen Nachrichten. Wir sind ein englisches Lager und eine Information, die allen hier einen gewaltigen moralischen Schub geben und auf ungeteilten Dank stoßen würde, das sind die ENGLISCHEN FUSSBALLERGEBNISSE. Ich sehe die Jungs Samstagabends fast sterben, weil das Hören der Ergebnisse über Kurzwelle nicht möglich ist. Ich bin sicher, daß diese und auch andere Sportinformationen für manches Freibier sorgen.

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Bild 4: Andre, VP8MAP, auf dem Stationsdach mit dem "Union Jack" in der Hand.

Ich bin vielen Leuten zu großem Dank verpflichtet, die mir beim Zusammenstellen der notwendigen Geräte und beim Aufbau einer Satelliten-Bodenstation in großer Eile geholfen haben. Besonderer Dank an Henry ZL1AAN, der mich mit einer selbstentworfenen Antenne versorgte, Noel ZL3AHW, der mir seine Station zeigte, James G3RUH, der mir Geräte zum Kauf empfahl, Ron G3AAJ, der meinen Kurzbesuch auf der AMSAT-UK Konferenz '94 organisierte, Lloyd G1JAR, der bei Modem-Problemen half, Alex G7GLY, der mit Transceivermodifikationen half und Mike G6GEJ, der Vorverstärker besorgte. Besonderer Dank geht an Fred und Jenny Southwell (G6ZRU, G1LIT) für ihre tatkräftige Unterstützung und für Jennys hervorragendes Kochen! Großer Dank geht auch an meinen Landsmann Chris ZL2TPO für seinen außergewöhnlichen Beitrag an die Amateur-Satelliten-Gemeinschaft. Je häufiger ich mit seinem WiSP spiele, desto mehr beeindruckt mich diese einzigartige Software. Vielen Dank auch an alle Delegierten auf der `94 AMSAT-UK Konferenz, die mir auf meine Fragen ihre Antworten gaben.

Ich sollte mit der Frage, die meistens als erstes gestellt wird, schließen: die Stationsausrüstung. Ich habe einen TS-790A, Tiny-2/GRUH modem, keinen Vorverstärker (ich habe ihn hochgejagt), selbstgebaute 3-Element vertikal "Quagi", einen IBM Computer und natürlich WiSP (registriert). Es läuft zwar noch nicht so wie ich es mir vorstelle (ich brauche bessere Antennen und einen Vorvertärker) aber nach schwachem Beginn vor einem Monat mache ich Fortschritte im Operating. Die Station würde in Nordamerika oder Europa sicherlich nicht durchkommen, aber mein großes Glück ist es, daß ich die Satelliten für mich alleine habe. Es gibt noch einige hier mit VP8-call. Sobald ich ich Station und Handling im Griff habe können sie die Station mitbenutzen. Obwohl ich selbst weniger an KW-Kommunikation interessiert bin, gibt es hier einige, die zweifellos gern auch Phonie-QSOs probieren würden. Meine Satellitenantennen sind ziemlich klobig, aber sie sollen hier schließlich überleben. Die "Quagis" sind aus dickem Stahldraht an einem 3' x 3' Holzrahmen - eine verleimte und verschraubte Konstruktion, die am Dach abgespannt ist. Gestern entdeckte ich, daß beide Antennen, up- und downlink, verstimmt waren und ich stieg aufs Dach, um herauszufinden weshalb. Wind und Kälte (ca. 10 Knoten -20°C) hatten Antennen und Halterungen mit einer dicken Eisschicht von etwa 10mm umhüllt. Eis hat eine Leitfähigkeit von ca. 2 und man benötigt nicht viel davon, um die elektrischen Eigenschaften einer Antenne zu verändern. Der starke Wind, die Kälte und die schnelle Eisbildung sind ein Grund, weshalb jede Art von größeren, mechanisch angetriebenen Antennen in dieser Umgebung nicht arbeiten.

Ich muß Schluß machen und mich wieder an die Arbeit begeben. Ich freue mich auf viele QSOs in den nächsten ein oder zwei Jahren.

73 liebe Funkfreunde,
Andre

Soweit der interessante Lagebericht von Andre. Inzwischen ist VP8MAP regelmäßig in den Directories von UO-22 und KO-25 zu finden. Offensichtlich hält seine Bodenstation den extremen Bedingungen gut Stand und dank WiSP klappt auch das Handling vorzüglich. Berichte und Bilder wechseln zwischen Nord und Süd und keine Nachricht bleibt unbeantwortet. Die gezeigten Bilder wurden übrigens als JPG-Dateien via Satellit übertragen.